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Hämatologie l

Die Betrachtung des Differentialblutbildes läßt zuverlässigere Rückschlüsse auf pathologische Vorgänge im Körper zu als die Analyse der Gesamtleukozytenzahl. Hierzu ist es zwingend notwendig, die absoluten Zellzahlen zu interpretieren. Die alleinige Auswertung der prozentualen Angaben der Einzelzellpopulationen kann Fehleinschätzungen führen. Es folgt eine Zusammenstellung der wichtigsten Ursachen von Veränderungen der Monozyten- und Lymphozytenzahl.

Leukozyten

Die Leukozyten-Fraktion setzt sich aus den Granulozyten, Lymphozyten und den Monozyten zusammen. Sie erfüllen im Organismus Aufgaben in der unspezifischen und in der spezifischen Immunabwehr.

1. Phagozytose-System (unspezifische Immunabwehr)
Die unspezifische Immunabwehr umfasst die Phagozytose mikrobieller Erreger und gealterter oder beschädigter Zellen durch
  • Granulozyten (neutrophile, eosinophile)
  • Monozyten (stellen das Bindeglied zwischen unspezifisch reagierenden Phagozyten und der spezifischen Immunabwehr durch Präsentation des Antigens)
Neutrophile Granulozyten sind kurzlebig, Monozyten können hingegen zu langlebigen Gewebsmakrophagen ausdifferenzieren und haben neben der Phagozytose Aufgaben in der Reparation, Regeneration und Regulation spezifischer Immunantworten.

Monozyten

Monozyten reifen im Knochenmark unter Einfluss von Granulozyten-Monozyten-stimulierenden Faktoren. Es existiert kein Knochenmarksspeicher, so dass ein erhöhter Bedarf nur durch gesteigerte Produktion gedeckt werden kann. Im Blut verbleiben Monozyten 1-2 Tage.
Im Gewebe reifen Monozyten zu Makrophagen aus. Die Lebenszeit im Gewebe beträgt Monate bis Jahre. Monozyten und Makrophagen bilden zusammen das System der mononukleären Phagozyten. Ortsständige Gewebsmakrophagen sind z.B. Kupfersche Sternzellen, Alveolar-Makrophagen, Mikro-Gliazellen, Mesangialzellen der Niere, Sertolizellen, Osteoklasten sowie Synovialis-Deckzellen.

Monozytose

Eine Erhöhung der Monozytenzahl tritt bei subakuten und chronischen Erkrankungen sowie bei Prozessen, die mit Gewebezerst örung einhergehen, auf. Aufgrund der vermehrten Migration der Monozyten in das entzündlich veränderte Gewebe reagiert das Knochenmark mit einer erhöhten Produktion. Es existiert, anders als bei den neutrophilen Granulozyten, kein Reservepool des Knochenmarks.

Aufgaben und Funktion der Monozyten
  • Im Rahmen der Phagozytose entfalten die Monozyten ihre direkte mikrobiozide Wirkung durch Abtöten von extra- und intrazellulären Erregern.
  • Im Rahmen der Immunantwort wird phagozytiertes Antigen durch die Monozyten den Lymphozyten präsentiert. Zudem haben die Monozyten Rezeptoren für Immunglobuline und Komplementfaktoren, so dass die Immunkomplexe auch phagozytiert werden können.
  • Monozyten haben eine Aufgabe in der Regulation des Eisen-Metabolismus. In ihrer Funktion als Gewebsmakrophagen dienen sie als temporärer Hämosiderinspeicher für das aus den Erythrozyten freigesetzte Eisen.
  • Durch Freisetzung von Entzündungsmediatoren (Interleukine, Prostaglandine, Komplementfaktoren,TNF, Leukine, u.s.w.) sind die Monozyten an der Regulation der entzündlichen Antwort beteiligt.
  • Eine Regulation des Zellwachstums und der Differenzierung findet durch Sekretion von Kolonie-stimulierenden Faktoren statt.
  • Direkte antivirale Wirkung der Monozyten ist durch die Synthese von Interferon gegeben.


Ursachen einer Monozytose
  • Entzündungen ( in der Regel subakut oder chronisch)
    • Infektionen
      • bakteriell (z.B. Ehrlichiose, Endokarditis)
      • mykotisch
      • protozytär
      • viral (FeLV)
    • Nekrosen
    • granulomatöse Erkrankungen
  • Hämolysen, Blutungen
  • Glukokortikoid-assoziiert
    • Streß
    • Glukokortikoidtherapie (Hund, Katze selten)
    • Hyperadrenokortizismus
  • Neoplasien
    • chronische myelomonozytäre Leukämie
    • Tumore, die mit einer ausgeprägten Gewebsnekrose einhergehen
  • zyklische Hämatopoese (hereditär beim Collie)
  • sekundär bei immunbedingter Neutropenie
Monozytopenie

Die Erniedrigung der Monozytenzahl hat klinisch keine Bedeutung. Sie kann bei manueller Differenzierung als Artefakt entstehen, wenn die Monozyten im Randsaum nicht mitgezählt werden.

2. Spezifische Immunabwehr
Im spezifischen Immunsystem antworten Lymphozyten auf den Antigen (Ag)-Kontakt mit einer spezifischer Antikörper (Ak)-Produktion und der Ausschüttung von Lymphokinen.
Lymphozyten werden anhand ihrer Morphologie (klein, mittel und groß) sowie entsprechend ihrer Funktion differenziert:
  • B-Lymphozyten (im zirkulierenden Blut ca. 20 %)
  • T-Lymphozyten (im zirkulierenden Blut ca. 70 %)
  • natürliche Killerzellen (ca. 10%, "Nullzellen". Sie exprimieren weder B- noch T-Marker und gehören damit zum unspezifischen Abwehrsystem)
Periphere Lymphozyten dienen als Memory Cells des Immunsystems. Die übrigen Lymphozyten zirkulieren zwischen Blut, lymphatischem Gewebe und Lymphe (Lymphknoten mit T- und B-Zell-Arealen -> efferente Lymphe -> Blut).

Lymphozyten

Zirkulierende Blutlymphozyten stammen aus dem Knochenmark oder Thymus. Die Aufenthaltsdauer im Blut beträgt ca. 8-12 Stunden je Umlauf, die Lebenszeit der Lymphozyten beträgt Monate bis Jahre.

Aufgaben und Funktion der Lymphozyten
Lymphozyten entwickeln im Laufe ihres Lebens eine antigenspezifische Immunität durch den Erwerb von antigenspezifischen Rezeptoren. Sie gehören damit zur spezifischen Immunabwehr. Sie sind beteiligt an der Produktion spezifischer Antikörper, der Immunregulation und haben Aufgaben im Rahmen der Zytotoxizität.

B-Lymphozyten
Die B-Zell-Reifung erfolgt in speziellen Reifungsorganen (Vogel: Bursa fabricii, Mensch: Knochenmark, Wiederkäuer: Peyersche Platten des Ileums). Dort erfolgt durch Antigen-Präsentation die Ausbildung spezifischer membranverankerter Antikörper. Jede B-Zelle kann nur einen bestimmten Antigenrezeptor exprimieren. Erfolgt die Bindung "ihres" spezifischen Antigens kommt es zur Ausreifung zur Plasmazelle und zur Produktion von spezifischen Antikörpern (humorale Immunität).

T-Lymphozyten
Der Erwerb antigenspezifischer Rezeptoren der T-Lymphozyten erfolgt im Thymus. Dort findet zusätzlich eine Negativselektion statt. T-Zellen, die mit körpereigenen Proteinen reagieren, werden eliminiert. Die übrigen immunkompetenten T-Lymphozyten werden wieder in die Peripherie entlassen. Nach Aktivierung von T-Lymphozyten durch spezifischen Antigenkontakt kommt es zur Freisetzung von Zytokinen und zur Zytolyse (zelluläre Immunität).
Die Anzahl der Lymphozyten ist abhängig von der Produktionsrate, der Zerstörung, der Umverteilung (Rezirkulation) und dem Alter des Tieres (die Lymphozytenzahl ist in den ersten Lebenswochen physiologischerweise sehr viel höher als beim adulten Tier).

Lymphozytose

Eine Zunahme der Anzahl zirkulierender Lymphozyten kann verschiedene Ursachen haben:

  • Physiologische Lymphozytose

  • 1. Bei Katzen kommt es unter Aufregung zu einer Ausschüttung von Epinephrin, welches zu einem erhöhten Blutfluss führt, so dass Lymphozyten aus dem marginalen Pool (bezeichnet die Lymphozyten, die an der Gefäßwand oder in Kapillaren verharren und sich damit nicht im zirkulierenden Blut befinden) in die Zirkulation gespült werden. Es können Werte bis zu 20.000 Lymphozyten/µl erreicht werden. Die Lymphozytenmorphologie ist dabei unauffällig.

    2. Lymphozytose des Jungtieres

  • Antigen-Stimulation

  • Die Antigen-Stimulation ist häufig mit einer Erhöhung der Globulin-Fraktion und Veränderung der Lymphozytenmorphologie (reaktive Lymphozyten = unterschiedliche Größe, dunkelblaues Zytoplasma, Zellkern abgerundet mit Chromatinstruktur und Restnukleoli) verbunden. Eine Antigen-Stimulation findet statt bei akuten und chronischen Infektionen, wie zum Beispiel bei IBD, Cholangiohepa-titis, TB, Brucellose, Babesiose, chronischer Virämie (FeLV) und Impfungen.

  • Neoplasie

  • Vor allem beim Lymphosarkom und bei der akuten und chronischen lymphozytären Leukämie ist eine Lymphozytose häufig in Kombination mit dem Auftreten einer nichtregenerativen Anämie und/oder Thrombozytopenie, Neutropenie und eventuell dem Auftreten von Lymphoblasten zu beobachten.

  • Hypoadrenokortizismus

  • Gleichzeitig ist häufig eine Eosinophilie und nichtregenerative Anämie auffällig.

    Lymphopenie

    Die Reduktion der Anzahl der im Blut zirkulierenden Lymphozyten (< 1000 /µl) kann verschiedene Ursachen haben:

  • Kortikoidwirkung

  • Die hierbei zu beobachtende Lymphopenie ist im Allgemeinen mild ausgeprägt (750 - 1000/µl) und vergesellschaftet mit weiteren charakteristischen Veränderungen der Leukozytenzusammensetzung (Streßleukogramm: Neutrophilie ohne Kernlinksverschiebung, Eosinopenie, Lymphopenie). Eine Kortikoidwirkung entsteht iatrogen oder durch einen Hyperadrenokortizismus sowie in Streß-Situationen.

  • Akute Infektionen

  • Die hier zu beobachtende Lymphopenie hat ihre Ursache in der Lymphozyten-Sequestration und der Gewebs-Migration. Eine Normalisierung der Lymphozytenwerte kann als prognostisch günstiges Zeichen im Verlauf einer Erkrankung gewertet werden. Typische Infektionen, die mit einer Lymphopenie vergesellschaftet sein können, sind FIV, FeLV und Staupe sowie bakterielle Infektionen.

  • Lymphosarkom

  • Eine Lymphopenie kann hierbei durch die Beeinträchtigung der Rezirkulation der Lymphozyten vom Lymphknoten zurück in das zirkulierende Blut entstehen.

  • Beeinträchtigung der lymphatischen Zirkulation

  • Eine Beeinträchtigung der lymphatischen Zirkulation ist zu beobachten bei einem Chylothorax, einer ausgeprägte Rechtsherzinsuffizienz, der Lymphangiektasie sowie der Lymphadenopathie.

  • Lymphoide Hypoplasie

  • Eine lymphoide Hypoplasie wird hervorgerufen durch immunsuppressive Medikamente, die Zerstörung des lymphatischen Gewebes (z.B. multizentrisches Lymphosarkom) oder beim Immundefizienzsyndrom (Basset, Cardigan Welsh Corgi, Jack Russell Terrier).

  • Verlust von Lymphe
    • PLE
    • Paratuberkulose
    • ulzerative Enteritis
    Literatur: (1) 24. Internationaler Fortbildungskurs Kleintierkrankheiten: Hämatologie, Flims 09.-15. März 2003 (2) Praktische Hämatologie bei Hund und Katze, R. Mischke, Schlütersche GmbH & Co.KG, 2003 (3) A Guide to Hematology in Dogs and Cats, A.H. Rebar, P.S. Mac Williams, B.F. Feldman, F.L.Metzger,R.V.H.Pollock, J.Roche, Jackson WY, 2002 (4) Steven L. Stockham, Michael A. Scott (2002), Fundamentals of veterinary clinical pathology



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