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Lymphosarkom (malignes Lymphom) beim Hund: Diagnose und Therapie im Alltag - Teil 2/3

Grundprinzipien und Durchführung der Chemotherapie

Obwohl in der Onkologie eine Kombination von verschiedenen Therapiemodalitäten (v.a. Chirurgie, Chemotherapie und Radiotherapie) häufig erfolgreicher ist als der Gebrauch von nur einer Therapieart, ist bei Lymphosarkom (LSA)-Patienten eine Chemotherapie die Methode der Wahl. Das Ziel der Chemotherapie ist eine Lebensverlängerung des Patienten bei einer guten Lebensqualität.
Beim LSA wird die Chemotherapie in drei Phasen eingeteilt: Induktion der Remission, Erhaltung der Remission und die sogenannte "Rescuetherapie" (Rettungstherapie) bei welcher man versucht, eine zweite Remission nach einem Rezidiv zu erlangen.




1. Induktions- und Erhaltungstherapie
Zahlreiche Chemotherapieprotokolle, welche sich bezüglich Komplexität, Wirksamkeit, Nebenwirkungen und Kosten unterscheiden, können angewendet werden. Die Ansprechrate und die Überlebensdauer von LSA-Patienten bei unterschiedlichen Chemotherapieprotokollen sind in onkologischen Lehrbüchern publiziert.
Monotherapien sind im Allgemeinen weniger wirksam als Kombinationstherapien. Eine Monotherapie welche sich jedoch bewährt hat, ist diejenige mit Doxorubicin: Die erwartete komplette Remissionsrate liegt bei 50 bis 75%, mit einer medianen Überlebenszeit von sechs bis acht Monaten.
Die meisten Protokolle, welche mehrere Chemotherapeutika enthalten (Kombinationstherapie), sind eine Variation des COP- oder des CHOP-Protokolles. Bei diesen Abkürzungen steht das C für Cyclophosphamid, das H für Hydroxydaunorubicin (Doxorubicin), das O für Oncovin (Vincristin) und das P für Prednisolon. Typischerweise wird zusätzlich als Induktions- Chemotherapeutikum L-Asparaginase gegeben, welches die Ansprechrate und die Geschwindigkeit bis zur Erlangung der Remission erhöht. Auf COP-basierende Protokolle haben meistens eine Erhaltungs-Chemotherapiephase nach der Induktionstherapie. Im Gegensatz dazu, wurde bei zwei verschiedenen Versionen eines auf CHOP-basierenden Protokolles gezeigt, dass eine Erhaltungstherapie keine klinischen Vorteile bringt. Patienten, welche die anfängliche Induktionstherapie vervollständigt haben und sich immer noch in Remission befinden, bekommen keine weitere Chemotherapie bis zum Auftreten eines Rezidiven. Die auf CHOP-basierenden Protokolle haben eine längere Induktionsphase, sind teurer und es treten häufiger Nebenwirkungen auf. Allerdings führen diese Protokolle dank dem Doxorubicin zu einer längeren ersten Remissionsdauer. Der Tierarzt muss zusammen mit dem Besitzer die tieferen Kosten, tiefere Toxizität und kürzere Remissionsdauer eines auf COP-basierenden Protokolls mit den höheren Kosten, höheren Toxizität und längere Remissionsdauer eines auf CHOP-basierenden Protokolls abwägen. In Tabelle 1 ist ein Beispiel eines COP-Protokolles wiedergegeben.



Zirka 70% der Patienten sprechen auf das COP-Protokoll mit einer kompletten Remission an, bei einer medianen Remissionsdauer von drei bis sechs Monaten und einer medianen Überlebenszeit von vier bis sieben Monaten.
Zum Vergleich, unabhängig davon, von welchem auf CHOP-basierenden Protokoll Gebrauch gemacht wird, erreicht man meistens eine 80-90% komplette Remissionsrate mit einer medianen Überlebenszeit von 12 Monaten. Fünfundzwanzig Prozent der Hunde überleben mehr als 2 Jahre und manche sind geheilt.
Ein unter Onkologen sehr beliebtes auf CHOP-basierendes Protokoll ist das von der Universität Wisconsin-Madison. Es ist ein relativ intensives Protokoll, welches aber von den Hunden meistens gut toleriert wird. In einem dritten Merkblatt zum Thema LSA beim Hund werden wir dieses Protokoll vorstellen und auf die praktische Durchführung der Chemotherapie eingehen. Insbesondere werden wir über die Applikationsart, Nebenwirkungen und Besonderheiten der verschiedenen im Wisconsin-Madison Protokoll vorkommenden Chemotherapeutika berichten.


2. Rescuetherapie
Die meisten LSA-Patienten, die in Remission sind, werden früher oder später ein Rezidiv haben. Das bedeutet, dass die Tumorzellen resistent gegenüber den gebrauchten Chemotherapeutika geworden sind. Mit dem Rescueprotokoll wird dann versucht, eine zweite oder allenfalls eine dritte Remission zu induzieren. Im Allgemeinen ist die Wahrscheinlichkeit eines Ansprechens auf das Rescueprotokoll wesentlich geringer und die Dauer der Remission wesentlich kürzer als bei der ersten Therapie. Falls die Patienten jedoch das erste Chemotherapieprotokoll vor dem Auftreten des Rezidiven abgeschlossen hatten, dann stehen die Chancen für eine erfolgreiche zweite Induktion besser. Bei diesen Patienten wird eine Reinduktion mit demselben Protokoll empfohlen. Falls der Hund auf das ursprüngliche Protokoll nicht komplett angesprochen hatte, oder schon während der Induktionsphase an einem Rezidiv erkrankte, dann werden sogennante Rescue-Chemotherapeutika angewendet. Am besten eignen sich dazu Chemotherapeutika aus einer Klasse, die noch nicht angewendet wurde, als Mono- oder Kombinationstherapie. Verschiedene Rescueprotokolle wurden publiziert.

3. Überwachung des Patienten während der Chemotherapie
Eine intensive Kommunikation zwischen Privattierarzt und Besitzer ist nötig, um die Patienten während der Chemotherapie zu überwachen. Vor Beginn der Therapie soll neben einer sorgfältigen klinischen Untersuchung, bei der auch die Lymphknotengrösse gemessen wird, eine komplette Blutuntersuchung (Hämatologie und klinische Chemie) sowie eine Harnuntersuchung durchgeführt werden. Die klinischen Befunde (z.B. eine Kardiopathie) sowie die Laboranalysen (z.B. Nieren- oder Leberinsuffizienz) können die Wahl der Chemotherapeutika entscheidend beeinflussen.
Eine Blutuntersuchung (Hämatologie mit Differenzierung der Leukozyten) muss vor jeder Gabe eines cytotoxischen Medikamentes gemacht werden.


4. Interpretation der Hämatologie bei einem Chemotherapie-Patienten
Das Auftreten einer Neutropenie ist die dosislimitierende Toxizität der meisten cytotoxischen Chemotherapeutika. Der neutropenische "Nadir", d.h. die tiefste Anzahl Neutrophilen, erfolgt bei den meisten Chemotherapeutika fünf bis sieben Tage nach Therapie. Beim einzelnen Patienten kann die Zeit, bei welcher der neutropenische Nadir erreicht wird, jedoch variieren. Dieser Zeitpunkt ist nämlich abhängig vom Medikament, von dessen Dosierung, von der Art der Gabe und von den vorgängig gegebenen Medikamenten. Die Chemotherapieprotokolle sind so konzipiert, dass für die neutrophilen Granulozyten genügend Zeit vorhanden ist, um sich von ihrem Nadir zu erholen. Eine häufige Kontrolle des Blutstatus mit Differenzierung der Leukozyten erlaubt eine prophylaktische Gabe von Antibiotika, falls diese erforderlich ist. Falls die neutrophilen Granulozyten unter 4000/µl fallen, dann soll die Dosierung des betreffenden Medikamentes das nächste Mal um 20-25% reduziert werden. Falls die neutrophilen Granulozyten unter 3000/µl gehen, dann sollte das cytotoxische Medikament nicht gegeben werden. Nach 5-7 Tagen sollte der vollständige Blutstatus wiederholt werden. Die meisten Patienten können dann bereits wieder behandelt werden. Patienten, welche weniger als 1500 Neutrophile/µl aufweisen, aber kein Fieber haben, sollen prophylaktisch auf orale bakterizide Antibiotika gesetzt werden, wie z.B. Trimethoprim/ Sulfonamid (15 mg/kg PO zwei mal täglich) und ihre Temperatur soll überwacht werden (Sepsisgefahr). Das Sepsisrisiko steigt bei einer Neutrophilenanzahl < 1000/µl. Falls der Patient Fieber hat und die Anzahl Neutrophilen < 1000/µl ist, dann wird eine Sepsis vermutet und der Hund sollte entsprechend mit Gabe von intravenöser Antibiotika und Flüssigkeit hospitalisiert werden.
Anämie und Thrombozytopenie sind häufige Befunde bei LSAPatienten. Die Ursachen dieser Veränderungen, v.a. dann, wenn die Veränderungen mit klinischen Symptomen einhergehen, sind jedoch viel häufiger mit der Neoplasie als mit der Chemotherapie assoziiert.
Der Hämatokrit wird mit dem Blutstatus vor jeder Chemotherapie bestimmt. Ist eine schwere Anämie vorhanden, dann soll die Ursache zuerst beim LSA selber gesucht werden. Die Plättchenzahl sollte ein- bis zweimal pro Monat kontrolliert werden, und die Chemotherapie soll verschoben werden, falls die Zahl unter 50'000/µl sinkt.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass, obwohl eine milde Neutropenie, Anämie und Thrombozytopenie bei LSAPatienten unter Chemotherapie häufig anzutreffen sind, diese Veränderungen meistens keine klinischen Symptome zur Folge haben. Schwerwiegende Blutbildveränderungen (v.a. Neutropenie) können mit den oben besprochenen Massnahmen meistens gut korrigiert werden, ohne das Allgemeinbefinden des Patienten zu beeinträchtigen.

Literaturliste auf Anfrage


Dr. med. vet. Cécile Rohrer Kaiser
Dipl. ACVIM (Internal Medicine) und ECVIM-CA (Internal Medicine)
Beratung in innerer Medizin und Onkologie
Tel: 01 380 28 61, Fax: 01 380 28 62, E-mail: cecile.rohrer@bluewin.ch


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