Hyperthyreose bei der Katze
1 Einführung
Hyperthyreose ist eine multisystemische Erkrankung, welche
durch die exzessive Konzentration der zirkulierenden Hormone
Thyroxin (T4) und Trijodthyronin (T3) entsteht. Sie zählt zu
den häufigsten Endokrinopathien der Katze.
2 Ursachen
Eine Schilddrüsenhyperplasie oder ein Adenom ist die häufigste
Ursache der felinen Hyperthyreose. Bei zirka 70% der
Patienten sind beide Schilddrüsen (SD) vergrössert, bei den
restlichen ist nur eine SD betroffen.
Im Gegensatz zum Hund, bei dem ein Karzinom die häufigste
Ursache für eine Hyperthyreose ist, liegt bei der Katze nur in
2% der Fälle ein bösartiger Tumor der Erkrankung zugrunde.
3 Signalement, Anamnese und klinische Symptome
Nur 5% der hyperthyreoten Katzen sind jünger als 10 Jahre.
Wegen der multisystemischen Wirkung der SD-Hormone
haben die meisten Patienten Anzeichen einer Dysfunktion
vieler Organsysteme (Tabelle 1).Tabelle 1:
Anamnestische und klinische Befunde bei 202 Katzen mit Hyperthyreose
(Auszug aus: Broussard JD, et al: Changes in clinical and laboratory findings
in cats with hyperthyroidism from 1983 to 1993. JAVMA 206: 302, 1995)

Die Krankheitssymptome können von schwach bis stark
variieren, je nachdem wie lange die SD-Hormon-Konzentration
schon erhöht ist und ob gleichzeitig noch andere Erkrankungen
(z.B. Niereninsuffizienz) vorliegen.
Die Krankheit verläuft langsam progressiv. Viele Besitzer von
Katzen mit nicht erkannter Hyperthyreose meinen der Allgemeinzustand
ihrer alten Katze sei gut, da hyperthyreote
Katzen häufig gut fressen und sehr aktiv sein können. Zu
beachten ist, dass manche Katzen nicht diese klassischen
Symptome, sondern Apathie und Fressunlust zeigen: Diese
Patienten leiden fast alle unter einer zusätzlichen Erkrankung.
Eine tastbare Vergrösserung einer oder beider SD besteht
bei über 80% der Patienten. Zur Palpation sollte der Hals der
Katze etwas gestreckt und der Kopf nach hinten gebogen
werden (Abbildung 1). Mit Daumen und Zeigefinger tastet
man beim Larynx beginnend entlang der Trachea, bis nach
ventral zum Thoraxeingang. Die vergrösserte SD wird dann
als relativ bewegliches subkutanes Knötchen unter den
Fingerspitzen weggleiten.
Abbildung 1: Palpation der Schilddrüsen bei der Katze

4 Hämatologie, klinische Chemie und Harnanalyse
Da die verschiedenen Symptome einer Hyperthyreose auch
bei vielen anderen Erkrankungen (z.B. Niereninsuffizienz,
Diabetes mellitus, Magen/Darm-, Leber- oder Herzleiden
sowie Neoplasie) beobachtet werden können, sollte, um das
Allgemeinbefinden der Patienten abzuklären, eine Blut- und
Harnanalyse durchgeführt werden.
Ein leicht erhöhter Hämatokrit wird bei zirka 50% der Katzen
mit Hyperthyreose gesehen. Die Gründe für diese
Erythrozytose sind wahrscheinlich eine erhöhte
Erythropoetinproduktion sowie eine direkten Wirkung der SDHormone
auf die erythroiden Stammzellen im Knochenmark.
Die häufigste Veränderung im Chemogramm ist eine Erhöhung
der Alanin-Amino-Transferase (ALT, früher GPT), der alkalischen
Phosphatase (AP) und der Aspartat-Amino-Transferase
(AST, früher GOT). Nur eines oder alle diese Enzyme können
leicht bis mittelgradig erhöht sein, wobei bei mehr als 90% der
hyperthyreoten Katzen mindestens einer dieser Werte erhöht
ist. Wenn allerdings diese Enzymaktivitäten stark erhöht sind,
dann sollte nach einer anderen Ursache als Hyperthyreose
gesucht werden. Anzeichen einer Niereninsuffizienz werden
in etwa 30% der Patienten beobachtet. Bei diesen Patienten
sind Harnstoff und Kreatinin erhöht und das spezifische
Gewicht im Harn ist erniedrigt. Bei einer hyperthyreoten Katze
mit einer manifesten oder latenten Niereninsuffizienz ist die
Wahl der Therapieart der Hyperthyreose entscheidend für
den weiteren Verlauf der Niereninsuffizienz (siehe unten).
5 Schilddrüsenfunktionstests5.1 Thyroxin (T4)
Eine erhöhte Konzentration von T4 ist das wichtigste Merkmal
der Hyperthyreose und ist bei mehr als 90% der Patienten
vorhanden. Zwei bis zehn Prozent der hyperthyreoten Katzen
weisen jedoch T4-Werte auf, welche sich noch in der oberen
Normgrenze befinden. Diese Katzen leiden meistens unter
frühen oder nur milden klinischen Symptomen und oft erreichen
die T4-Werte mit der Zeit abnormal hohe Werte.
Eine gleichzeitig vorhandene andere Erkrankung kann für
nur leicht erhöhte oder noch in der Norm liegende T4-Werte
verantwortlich sein.
5.2 Trijodthyronin (T3)
Da zirka 25% der hyperthyreoten Katzen in der Norm liegende
T3-Werte aufweisen, wird eine routinemässige T3-Bestimmung
in der Diagnostik der Hyperthyreose nicht empfohlen.
5.3 T3-SuppressionstestDer T3-Suppressionstest wird bei Patienten angewendet,
wenn der Verdacht einer Hyperthyreose besteht, der T4-Wert
aber in der Norm ausfällt.
Pathophysiologie:Bei einer Katze, welche nicht unter Hyperthyreose leidet,
führt die Gabe von T3 zu einer verminderten Sekretion von
Thyroidea stimulierendem Hormon (TSH) (negatives Feedback)
und die anschliessende Serum-T4-Messung wird tiefer
ausfallen als die T4-Messung vor der T3-Gabe. Im Gegensatz
dazu hat die Gabe von T3 keinen Effekt auf die SD-Hormon-Konzentration von hyperthyreoten Katzen, weil die TSHSekretion
bei diesen schon chronisch gehemmt ist: Die
gemessene Serum-T4-Konzentration nach T3-Gabe ist nicht
tiefer als vor der T3-Gabe.Protokoll:
- a. Blutentnahme zur Bestimmung der basalen Konzentration
von T4 und T3.
Serum im Kühlschrank aufbewahren.
- b. Gabe von T3 (Liothyronin) beginnend am Morgen nach der
Blutentnahme in einer Dosierung von 25 µg PO dreimal
täglich, zwei Tage lang. Am Morgen des dritten Tages wird
eine siebte und letzte Dosis Liothyronin gegeben.
- c. Zwei bis vier Stunden nach der letzten Liothyronin-Gabe
Blutentnahme wiederholen und T4 und T3 nochmals
bestimmen.
Die basalen und die post-Liothyronin T4- und T3-
Bestimmungen sollen zusammen zum Labor geschickt
werden, um eine "interassay"-Variabilität der Hormonkonzentration
zu verhindern.
Interpretation:
Katzen mit einer Hyperthyreose haben post-Liothyronin
T4-Werte > 2 µg/dl während nicht-hyperthyreote Patienten
Werte < 1.5 µg/dl aufweisen. T4-Werte zwischen 1.5 und
2.0 µg/dl sind nicht diagnostisch (SI-Einheiten: x 12,87).
Anhand der Serum-T3-Werte wird ersichtlich, ob die Katze
das Liothyronin auch wirklich bekommen hat. Die Serum-
T3-Werte müssen nach der Liothyroningabe höher sein als
vor der Gabe. Bei fehlender Besitzer-Compliance wird eine
falsche Diagnose von Hyperthyreose gestellt.
5.4 Thyreotropin-Releasing-Hormone (TRH)-StimulationstestDieser Test stellt bei hyperthyreose-verdächtigen Katzen,
bei denen das T4 nicht erhöht ist, eine Alternative zum
T3-Suppressionstest dar.
Pathophysiologie:
Bei nicht-hyperthyreoten Katzen bewirkt die Gabe von TRH
eine Erhöhung der TSH-Sekretion und demzufolge der T4-
Konzentration. Bei hyperthyreoten Katzen ist das TSH chronisch
supprimiert und demzufolge bewirkt eine TRH-Gabe
keinen oder einen nur geringen Anstieg von TSH und T4.
Protokoll:
- a. Blutentnahme für die Bestimmung des basalen T4-Wertes
- b. Gabe von TRH: 0.1 mg/kg IV
- c. Nach vier Stunden Blutentnahme zur Bestimmung von T4
Interpretation:Eine Erhöhung der post-TRH T4-Konzentration < 50%
gegenüber der prä-TRH T4-Konzentration spricht für eine
Hyperthyreose während eine post-TRH T4-Konzentration >
60% gegen eine Hyperthyreose spricht. Eine Erhöhung des
post-TRH T4-Wertes zwischen 50-60% ist nicht diagnostisch.
Vorteile des TRH-Stimulationstests gegenüber dem T3-
Suppressionstest sind die kürzere Testdauer und die Tatsache,
dass keine Tablettengabe nötig ist. Nachteile des TRHStimulationstests
sind die häufigen Nebenwirkungen
der TRH-Gabe, welche mit Erbrechen, Tachypnoe, Speicheln
und Kotabsatz einhergehen. Diese Nebenwirkungen sind
allerdings transient und verschwinden von alleine.5.5 Technetium-Szintigraphie
Diese Studie wird mit radioaktivem Technetium (99mTc)
durchgeführt. Mittels der Szintigraphie wird die Ausbreitung
von allem funktionellen SD-Gewebe im Körper festgestellt,
so z.B. ektopisches oder tiefer lokalisiertes SD-Gewebe im
Brustraum bei gutartigen Veränderungen sowie Regional- und
Fernmetastasen bei SD-Karzinomen. Diese Informationen
können bei einem unklaren Hyperthyreose-Fall für die defintive
Diagnose sehr nützlich sein und können für die optimale
Therapiewahl entscheidend sein.
Diese Untersuchung wird an der Vetsuisse Fakultät Bern
angeboten.
6 Therapie
Es gibt drei Arten der Therapie für hyperthyreote Katzen:
medikamentöse Therapie, Chirurgie und eine Behandlung mit
radioaktivem Jod (131Jod).
6.1 Medikamentöse Therapie
Das Methimazol (Tapazole®) vermindert die Konzentration
der zirkulierenden SD-Hormone durch eine Blockade der SDHormon-
Synthese. Diese Therapie ist einfach durchzuführen,
ist billig und wird meistens gut vertragen. Bei hyperthyreoten
Katzen mit einem gutartigen SD-Tumor und gleichzeitiger
Niereninsuffizienz ist es die Therapie der Wahl. SD-Hormone
erhöhen den renalen Blutfluss und die glomeruläre Filtrationsrate.
Die Behandlung der Hyperthyreose kann demzufolge zu
einer Verschlechterung der Niereninsuffizienz führen oder
kann eine latente Niereninsuffizienz zum Vorschein bringen.
Der Vorteil einer medikamentösen Therapie gegenüber einer
Behandlung mit 131Jod oder einer Chirurgie ist die Reversibilität.
Der Tierarzt kann die Dosierung der Tabletten so wählen,
dass Hyperthyreose und Niereninsuffizienz optimal kontrolliert
werden: Ziel ist es die Hyperthyreose nur soweit zu unterdrücken,
dass die Nierenfunktion aufrechterhalten wird.

Das Methimazol wird anfänglich in einer Dosierung von 2.5
mg/Katze PO zweimal täglich über zwei Wochen gegeben.
Falls keine Nebenwirkungen auftreten, wird die Dosierung auf
7.5 mg/Katze/Tag PO (aufgeteilt) wiederum über eine
Zeitspanne von 2 Wochen erhöht. Anschliessend wird eine
Kontrolle mit kompletter Blutuntersuchung (Hämatologie mit
Anzahl Thrombozyten, klinische Chemie) durchgeführt. Eine
T4-Bestimmung erfolgt 4-6 Stunden nach Tablettengabe. Je
nach Befund wird die Methimazoldosierung angepasst.
Falls Nebenwirkungen durch das Methimazol auftreten, so
werden diese meist während der ersten drei Monate der
Therapie beobachtet. Milde Nebenwirkungen wie Anorexie,
Erbrechen und Apathie sind meistens vorübergehend. Seltene
aber schwere hämatologische Nebenwirkungen sind
Thrombozytopenie, Agranulozytose und hämolytische Anämie.
Eine Lebertoxizität kann selten auftreten. Um solche Nebenwirkungen
frühzeitig zu erkennen, werden in den ersten 8-12
Wochen Therapie regelmässige Kontrollen durchgeführt.
6.2 Chirurgie
Eine Chirurgie ist eine wirkungsvolle Therapie bei der felinen
Hyperthyreose, jedoch können Morbidität und Mortalität
beträchtlich sein. Ausserdem ist eine Chirurgie nicht immer
indiziert, z.B. bei gleichzeitiger Niereninsuffizienz, bei Vorhandensein
von ektopischem oder heruntergerutschtem SDGewebe
im Mediastinum oder bei Metastasen im Falle eines
SD-Karzinoms.
6.3 131Jod
Eine Behandlung mit 131Jod ist eine einfache, erfolgreiche und
sichere Behandlungsart bei hyperthyreoten Katzen. Man umgeht
sowohl die täglichen Tablettengaben sowie die Komplikationen
einer Chirurgie. Bei Katzen mit einem SD-Karzinom
hat man mit einer 131Jod-Therapie die besten Chancen einer
Heilung, da das 131Jod sich in allem funktionellen SD-Gewebe
anreichert. Zurzeit ist diese Therapieart in der Schweiz nicht
mehr erhältlich, aber in absehbarer Zeit sollte sie an der
Vetsuisse Fakultät Bern wieder zur Verfügung stehen.
Literaturliste auf Anfrage
Dr. med. vet. Cécile Rohrer Kaiser
Dipl. ACVIM (Internal Medicine) und ECVIM-CA (Internal Medicine)
Beratung in innerer Medizin und Onkologie
Tel: 01 380 28 61
Fax: 01 380 28 62
E-mail: cecile.rohrer@bluewin.ch
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"Multiple Choice"- Fragen
zur felinen Hyperthyreose
(Nur eine gültige Antwort)
1. Welche Bemerkung zur Hypothyreose stimmt NICHT?
- Bei hyperthyreoten Katzen ist meistens nur eine
Schilddrüse verändert.
- Die vergrösserte Schilddrüse kann meistens
palpiert werden.
- Die Schilddrüsenveränderung der Katze ist
meistens gutartig.
- Die Schilddrüsenveränderung des Hundes
ist meistens bösartig.
2. Welches Symptom oder welche
Laborveränderung tritt bei mehr als
50% der Patienten auf?
- Apathie
- Herzgeräusch
- Hyperbilirubinämie
- Anämie
3. Niereninsuffizienz und Hyperthyreose:
Welche Aussage trifft zu?
- Schilddrüsen-Hormone erniedrigen die
glomeruläre Filtrationsrate.
- 131Jod ist die Therapie der Wahl bei hyperthyreoten
Katzen mit einer Niereninsuffizienz.
- Eine latente Niereninsuffizienz kann durch die
Behandlung einer Hyperthyreose zum Vorschein
kommen.
- Methimazol ist kontraindiziert bei hyperthyreoten
Katzen mit einer Niereninsuffizienz.
4. Schilddrüsenfunktionstests:
Welche Aussage trifft zu?
- Bei einer Hyperthyreose ist das T4 immer
erhöht.
- Der TSH-Stimulationstest wird empfohlen,
um die Diagnose einer Hyperthyreose bei
verdächtigen Katzen zu stellen, welche ein
in der Norm liegendesT4 aufweisen.
- Beim T3-Suppressionstest reagieren hyperthyreote
Katzen mit einer Abnahme der
T4-Konzentration.
- Mit einer 99mTc-Szintigraphie wird alles
funktionelle Schilddrüsengewebe angezeigt.
5. Therapie der Hyperthyreose:
Welche Aussage trifft zu?
- Bei einem Schilddrüsenkarzinom ist die
131Jod-Therapie die Therapie der Wahl.
- Die Methimazol-Therapie kann zu einer
Leukopenie führen.
- Zur Verlaufskontrolle sollte die T4-
Bestimmung während einer Behandlung mit
Methimazol 4 bis 6 Stunden nach Tablettengabe
erfolgen.
- Alle Antworten

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